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Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung

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Wahrnehmung von sozialem Zusammenhalt und online-Diskussionskultur im lokalen Netzwerk. Explorative Untersuchung in einer sächsischen Kleinstadt

Hannah Göppert

Soziale Medien verändern Kommunikationsgewohnheiten und soziale Beziehungen. Besonders in Anbetracht des erstarkenden Rechtspopulismus und der Zunahme von rechtem Hass im Netz stellt sich die Frage nach ihren Konsequenzen für den sozialen Zusammenhalt. Aktuelle Untersuchungen sowie die öffentliche Debatte berücksichtigen dabei jedoch primär gesamtgesellschaftliche Auswirkungen, die Ebene persönlicher Beziehungen und sozialer Netzwerke wurde bisher weniger betrachtet. Meine Masterarbeit adressiert diese Lücke, indem sie „hybride“ Netzwerke, in denen sich online-Kontakte und persönliche Begegnungen überschneiden, in den Blick nimmt. Anhand der Fallstudie einer ostdeutschen Kleinstadt untersucht sie, wie sich Interaktionen im digitalen Raum und die Wahrnehmung von sozialem Zusammenhalt zueinander verhalten.

Theoretisch knüpft die Arbeit an die soziologische Debatte über die Implikationen von

technologischen Entwicklungen für das Verhältnis von räumlicher Nähe und gemeinschaftlichem Zusammenhalt an. Sie greift besonders den von Wellman entwickelten Ansatz des networked individualism auf. Als explorative Untersuchung stellt die Arbeit die Wahrnehmungen und Erklärungen von Mitgliedern lokaler online-Communities ins Zentrum. Wichtigste Datenquelle sind leitfadengestützte Interviews mit Nutzer*innen stark frequentierter, offen zugänglicher lokaler Facebookgruppen.

Diese werden um Experteninterviews und online-Beobachtungen ergänzt. Die Arbeit geht in drei Schritten vor: Erstens nimmt sie den sozialen Zusammenhalt in der Kleinstadt in den Blick. Es zeigt sich, dass Anwohner*innen schon seit Jahren eine Abnahme des gemeinschaftlichen Zusammenhaltes und eine verstärkte Polarisierung der Bevölkerung wahrnehmen, die sich in sozialen Ungleichheiten,

unterschiedlichen Wertvorstellungen und politischen Einstellungen gründet.

Zweitens betrachtet sie den Charakter der Diskussionskultur im digitalen Raum. Es wird klar, dass sich die sozialen Spannungen online widerspiegeln, allerdings in stark zugespitzter Form. Als kritisches Ereignis sehen die Mitglieder der online-Communities den „Sommer der Migration“. Die „gefühlte“ – aber im kleinstädtischen Netzwerk de facto kaum gegebene – Anonymität des Internet habe hitzige Auseinandersetzungen und einen aggressiven, emotional aufgeladenen Tonfall hervorgebracht.

Drittens analysiert die Arbeit das gegenseitige Verhältnis von analogen und digitalen Dynamiken. Dabei wird erkenntlich, dass die Zurschaustellung von politischen Einstellungen in den lokalen online-Communities konträre Werthaltungen stärker sichtbar macht und bereits existierende Spannungen weiter verstärkt. Meinungen, die früher nur im privaten Kreis ausgetauscht wurden, insbesondere rechte Positionen, sind nun weithin sichtbar. Das schädigt in der Wahrnehmung der Beteiligten Kooperationen und Vertrauen. Zugleich erleichtert der digitale Raum die Hinwendung

zu Gleichgesinnten, sodass von einer Verschiebung sozialer Bindungen die Rede sein kann. In dem Sinn scheinen sich die sozialen Beziehungen der Beteiligten stärker auszudifferenzieren. Dies bedeutet jedoch nicht notwendigerweise einen Zugewinn an individueller Autonomie, weil kleinstadttypische soziale Kontrolle weiter fortbesteht.