Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung

POSTER Die Stadt und das ErnährungssystemRichtig

 

Das Verhältnis zwischen dem Ernährungssystem und der ständig wachsenden Urbanisierung wird meistens einseitig betrachtet, als sei die städtische Expansion nur eine Herausforderung für die Ernährung der Städte. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die Stadt diejenige ist, die sich komplex und schnell zu verändern scheint, während das Ernährungssystem oftmals weniger dynamisch wirkt. Die Gründe in Städte zu ziehen und die Formen des städtischen Zusammenlebens ändern sich fortlaufend, aber der Weg, den das Essen „vom Feld in die Küche“ nimmt, hat sich offenbar nicht wesentlich verändert. Das Ernährungssystem wird im Kern als das System verstanden, in dem die Produktion, die Verarbeitung, die Verteilung, die Zubereitung, der Verzehr und schließlich die Entsorgung von Nahrungsmitteln stattfindet (siehe Beardsworth and Keil 1996; Goody and Goody 1982; Sobal et al. 1998). Dieses System scheint in einem schwierigen Verhältnis mit der Stadt zu stehen.

Bedenken über die Strapazierfähigkeit und Nachhaltigkeit des Ernährungssystems vor dem Hintergrund der Industrialisierung, der vermeintlichen Überbevölkerung und der Verstädterung werden bereits seit mehr als zwei Jahrhunderte geäußert (siehe unter anderem Food and Agriculture Organization of the United Nations 1974;Malthus 1798; UN-Habitat III 2017). Dabei argumentieren viele, es gebe eine Kapazitätsschwellebei der Nahrungsmittelproduktion (Schmid 1992,zitiert in Janowicz 2008:8). Deshalb stellen viele Forscher*innen Fragen wie: „Wie können Staaten die Megastädte (vor allem im Globalen Süden) ernähren?“

Dies sind drängende Fragen, da die Urbanisierung eine gigantische Herausforderung für das Ernährungssystem, wie wir es derzeit kennen, darstellt. Allerdings sollte diese Sicht auf den Wirkungszusammenhang zwischen Urbanisierung und dem Ernährungssystem nicht die einzige sein. Die klassische Perspektive verdeckt nämlich wichtige Nuancen, da in diesem Kontext das Ernährungssystem immer als unabhängige Variable definiert wird. Um sich davon zu lösen, muss die Forschung in diesem Bereich auch fragen, wie das Ernährungssystem die Urbanisierungsprozesse beeinflusst. Im aktuellen Zyklus der studentischen (Stadt-) Forschungsgruppe möchten wir die Frage also umkehren, um andere Erkenntnisse über die Urbanisierung zu gewinnen.

Die Stadt durch die Perspektive des Essens zu analysieren, ist eine gute Gelegenheit, unseren Wortschatz in der Wissensproduktion jenseits von europäischen und US-amerikanischen Standards zu erweitern. Wie Gupta (2012) am Beispiel der Globalisierung gezeigt hat: „by focusing on crops and cuisines, one can uncover some of the dynamics of the colonial phase of globalization” (ebd.:42). In der Stadtforschung könnte diese Perspektive also nicht nur ihre Relevanz für die Schaffung konzeptueller Instrumente beweisen, sondern auch dekoloniale Sprache fördern. Wir finden einen Anschluss an Guptas Perspektive in den Werken von Jennifer Robinson (2004) und Ananya Roy (2013): Durch die gängige Trennung zwischen Städten des Globalen Nordens und Städte des Glo-balen Südens entsteht eine Kluft. Während in den ersteren, also in den „Global Cities“, Modelle, Theorien und Politiken konzipiert werden, werden in den letzteren, also den „problematischen Mega-Cities", Konflikte diagnostiziert und „Lösungen“ verschrieben (Roy 2013:820). Wir gehen davon aus, dass das Verhältnis zwischen dem Ernährungssystem und der Stadt stark in dieser Kluft verwurzelt ist. Und dass so viele Wissenschaftler*innen danach fragen, wie man die („armen“) Städte im Globalen Süden ernährt, ist eine Manifestation dieser Kluft.

Daher möchten wir in diesem Projekt die umgekehrte Frage stellen: Wie wirkt sich das Ernährungssystem auf Urbanisierungsprozesse aus? Wir verstehen, dass die Urbanisierung in ihrer Kerndefinition, d.h. das Wachstum von Städten, ein globales Phänomen ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Ernährungssystem. Obwohl es seit Jahrhunderten als globales Netzwerk aufgefasst werden kann (Gupta 2012), ist es stetig abhängiger von globalen Prozessen geworden (Beardsworthand Keil 1996). Doch trotz dieser allgemeinen globalen Charakteristika möchten wir auf einen spezifischen Kontext von Urbanisierung und von Ernährungssystem eingehen, der hauptsächlich im Globalen Süden stattfindet, um zu einer breiteren erkenntnistheoretischen Produktion beizutragen. Ananya Roy (2014:17) würde sagen: „worlding the South“. Wir möchten uns genauer auf „informelle“ Urbanisierungsprozesse und auf alternative community-based Ernährungssysteme in Städten des Globalen Südens konzentrieren.

Die studentische (Stadt-) Forschungsgruppe sucht Studierende, die im Rahmen dieses Projekts ihre Master- oder Bachelorarbeit schreiben wollen. Für weitere Infos werden wir am 15. und 22. Oktober um 17 Uhr (Ort: To be confirmed) zwei offene Treffen organisieren, um Fragen zu beantworten und den weiteren Verlauf des Projekts gemeinsam zu bestimmen. Wenn du Fragen/Kommentare oder Interesse hast, dich an dem Projekt zu beteiligen, schreib uns an: goeznicolas@gmail.com.

 

Literaturverzeichnis:

Ananya, Roy. 2014. „Worlding the South.“ In The Routledge Handbook on Cities of the Global South:Routledge.

Beardsworth, Alan and Teresa Keil. 1996. Sociology on the menu an invitation to the study of food and society. London & New York.

Food and Agriculture Organization of the United Nations. 1974. State of Food and Agriculture 1974.Rome: Food and Agriculture Organization of the United Nations.

Goody, Jack and John Rankine Goody. 1982. Cooking, cuisine and class: a study in comparative sociology: Cambridge University Press.

Gupta, Akhil. 2012. „A different history of the present: the movement of crops, cuisines, and globalization.“ In Curried Cultures: Globalization, Food, and South Asia, eds. Tulasi Srinivas andKrishnendu Ray. Berkely: University of California Press.

Janowicz, Cedric. 2008. Zur Sozialen Ökologie urbaner Räume: Afrikanische Städte im Spannungsfeldvon demographischer Entwicklung und Nahrungsversorgung. Bielefeld: transcript Verlag.

Malthus, Thomas Robert. 1798. An Essay on the Principle of Population, as it Affects the FutureImprovement of Society. London.

Robinson, Jennifer. 2004. „Cities Between Modernity and Development.“ South African GeographicalJournal 86(1):17-22. Roy, Ananya. 2013. „The 21st Century Metropolis: New Geographies of Theory.“ Andamios: Revista de Investigacion Social 10(22):149-182.

Sobal, Jeffery, Laura Kettel Khan and Carole Bisogni. 1998. „A conceptual model of the food and nutrition system.“ Social Science & Medicine 47(7):853-863.

UN-Habitat III. 2017. „New Urban Agenda.“ In A/RED/71/256*. New York: United Nations.